Beistand für die Ärmsten

Die Einsamkeit ist für Obdachlose und Menschen in Armut das Schlimmste an der Pandemie

Hunderte Tüten packen und verteilen die Frauen und Männer von Sant’Egidio. (c) Sant'Egidio
Hunderte Tüten packen und verteilen die Frauen und Männer von Sant’Egidio.
Di 31. Mär 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 14/2020 | Garnet Manecke

Kein Zuhause zu haben, ist schon in normalen Zeiten schwer. Das Leben auf der Straße ist immer ein Überleben, ein Kampf um die eigene Würde. Eine Krisenzeit, in der das öffentliche Leben stillsteht, trifft Obdachlose besonders hart. Die Gemeinschaft Sant’Egidio und der SKM Rheydt sind zwei Institutionen, die den Menschen in dieser ausweglosen Lage beistehen.

Abstand zu halten ist das oberste Gebot. Nähe muss dann über die Distanz hergestellt werden. (c) Sant'Egidio
Abstand zu halten ist das oberste Gebot. Nähe muss dann über die Distanz hergestellt werden.

Weihnachten haben sie noch alle in der Citykirche beieinander gesessen und zusammen gefeiert. Neben den eingeladenen Gästen erwartet die Gemeinschaft Sant’Egidio auch immer einige Männer, die kein Zuhause haben. Sie kommen vorbei und finden jedes Jahr einen Platz vor, der für sie gedeckt wurde. Es gibt ein gutes Essen und etwas Herzenswärme, bevor sie wieder hinausgehen in ihr Leben auf der Straße. Im Frühling sollte das Leben etwas einfacher sein, aber mit der Corona-Pandemie ist es für Obdachlose noch schwieriger geworden, jeden Tag zu überstehen. Die Gemeinschaft hat ihren samstäglichen Franziskustisch einstellen müssen. Ihre Freunde im Stich zu lassen, kommt für die Mitglieder der Gemeinschaft aber nicht infrage.

Bevor die Kontaktsperre kam, haben sie Tüten mit Lebensmitteln gepackt und verteilt – ausgerüstet mit selbst gemachten Mundschutzmasken und Handschuhen. „Man rettet sich nicht allein. Wir alle brauchen einander. Deswegen wollen wir die Verantwortung leben für die Kleinen und Ausgegrenzten, sie sind Teil unseres Lebens“, sagt Manuela Brülls von der Gemeinschaft Sant’Egidio. Mit der Vorgabe, dass es keine körperlichen Kontakte geben darf, ist die Verteilung umgestellt worden. „Wir haben ein System der Patenschaften entwickelt“, sagt Brülls. „Wir bringen den Leuten ihre Beutel und stellen sie vor die Tür. Manchmal können wir auch ein paar Worte mit ihnen wechseln. Das ist so wichtig.“

Per Telefon wird mit den Frauen und Männern der Kontakt gehalten und regelmäßig nachgefragt, wie es geht und ob man irgendwie helfen kann. Die Menschen, um die sich Sant’Egidio kümmert, sind ganz unterschiedlich: Bedürftige, Alte, Geflüchtete, die meisten leben in Wohnungen. Die finanzielle Armut ist eine Gemeinsamkeit. Manche sind zudem psychisch krank oder haben eine Suchterkrankung. Auch Obdachlose sind dabei. Bei einigen kommt gleich mehreres zusammen. Zur Hochrisikogruppe gehören sie fast alle. Mit denen, die ihre Wohnungen immer wieder mal verlassen müssen, um sich bewegen zu können, und mit den Obdachlosen werden Verabredungen getroffen, um die Essenstüten zu übergeben. „Dass die sozialen Kontakte fehlen, schmerzt die Betroffenen am meisten“, stellt Manuela Brülls bei solchen Begegnungen immer wieder fest. „Die möchten reden und haben niemanden. Das ist im Moment das Schlimmste und sehr belastend.“

Früher waren bei Sant’Egidio Umarmungen üblich. Das fällt jetzt weg. In den Innenstädten sind die meisten Geschäfte geschlossen, wer jetzt mit seiner Dose oder dem Pappbecher dort steht, kann kaum darauf hoffen, genug Geld für eine warme Mahlzeit zusammenzubekommen. Es sind einfach zu wenig Menschen in der Stadt unterwegs. Und die noch etwas zu erledigen haben, gehen oft vorbei. Kein günstiger Zeitpunkt für den Verkauf des Straßenmagazins Fiftyfifty. Seit dem 1. April ist der Katholische Verein für soziale Dienste SKM Ausgabestelle für das Straßenmagazin. Um es den Verkäufern etwas leichter zu machen, bekommen sie die Hefte in einer Sonderausgabenaktion kostenlos. So dürfen sie den gesamten Preis von 1,20 Euro behalten. Mit dem Verkauf der Zeitung können sich die Verkäufer ein wenig Geld hinzuverdienen und ihrem Tag eine Struktur geben. „Wir möchten die Bürger der Stadt aufrufen, die Zeitungen zu kaufen, um die Menschen, die es am nötigsten brauchen, zu unterstützen“, sagt Astrid Thies, Sozialarbeiterin beim SKM Rheydt. „Selbstverständlich muss hierbei der Schutzabstand eingehalten werden. Die Verkäufer reinigen sich regelmäßig die Hände und bekommen auch Handschuhe von uns gestellt.“

Um die Auflage zu halten, sei es auch wichtig, die Zeitung mitzunehmen. „Sonst besteht die Gefahr,dass sie wegen sinkender Auflage eingestellt wird.“ Der Fiftyfifty-Verkauf ist ein Teilaspekt der Hilfe für Obdachlose. In einem Alltag, in dem schon in guten Zeiten nichts sicher ist, sind Orte, an denen man Ansprache findet, sich und seine Wäsche pflegen kann und bei einem warmen Essen etwas Ruhe findet, wichtig. Das Café Emmaus des SKM ist auch jetzt geöffnet – wie auch die Café Pflaster in Mönchengladbach und Rheydt und das Bruno-Lelieveld-Haus an der Erzbergerstraße. „So können wir den Kontakt zu unseren Gästen halten und informieren, dass wir weiter erreichbar sind“, sagt SKM-Sozialarbeiter Christoph Föhles.




Die „Jugend für den Frieden“ von Sant’Egidio hält den Kontakt zu den isolierten Senioren aufrecht

Einen liebevoll gestalteten Brief zu erhalten, ist ein kleines Glücksgefühl. (c) Sant'Egidio

Wie den Kontakt zu Freunden halten, die nicht mehr besucht werden können? Weil kaum Bewohner des Altenheims in Windberg digitale Medien nutzen, haben sich die Jugendlichen der „Jugend für den Frieden“ auf ein uraltes Medium besonnen: den Brief


Es ist immer ein kleines Glücksgefühl, das den Körper durchströmt, wenn ein Brief im Postkasten ist. Nicht so einer, dem man schon ansieht, dass er eine Rechnung enthält oder Werbung. Sondern einer von der Sorte, die liebevoll ge
schmückt sind. Einer, der schon mit seinem Umschlag erzählt: „Da hat jemand an mich gedacht und sich für mich Zeit genommen.“ Die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheims Windberg haben dieses Glückgefühl nun wieder erlebt, als sie die Briefe der Jugendlichen in ihren Händen hielten. Ayan hat für Bärbel ein Bild von einem Gitarrenspieler gemalt, da klingt gleich Musik in ihrem Kopf. Hannah hat ihrer Wahl-Oma geschrieben, dass sie so gerne daran denkt, wie sie Bingo gespielt haben
und dass sie das hoffentlich bald wiederholen können. Der Brief endet mit einem großen lachenden Gesicht. So oder so ähnlich sind die Briefe gehalten. Worte, die den Empfängern sagen, dass an sie gedacht wird. Und Bilder voller Herzen, mit Menschen, die sich im Arm halten. Mit ihren Briefen haben die Jugendlichen im Altenheim vielen eine große Freude gemacht. So manche Träne der Rührung wurde vergossen. Die Briefe helfen den Jugendlichen wie den Alten, durch die Zeit zu kommen.                                        gam